Peter Gülke

Sehr geehrter Herr Smith,

Mit großer Freude habe ich von Ihrem Vorhaben gelesen. Wie gerne hätte ich mit Frau Wieland mehr Kontakt gehabt! – persönlich ergab er sich überhaupt nur einmal, in Karlsruhe bei dem Jürgen Uhde gewidmeten Symposion. (Anmerkung: Symposium „Angewandtes musikalisches Denken. Jürgen Uhde zum 100. Geburtstag“. Hochschule für Musik Karlsruhe, 2013) 

Bei ihr wie bei Herrn Uhde hat mich nicht nur die Nähe von sehr konkreten musikalischen Sachverhalten und ästhetischen wie philosophischen Gesichtspunkten und deren gewissenhafte Verknüpfung bestochen und immer wieder angeregt, es war darüber hinaus allgemein der Gegenentwurf gegen die mittlerweile hochgefährliche Pragmatisierung im Musikleben, die sich bis in die Interpretation hineinfrisst. Rein spieltechnisch sind Musiker im Durchschnitt heute schlichtweg besser als ihre Kollegen vor 50 Jahren, doch eben das bringt die Gefahr mit sich, dass rasche technische Bewältigung Fragen nach den Hintergründen der Musik oft verhindert, sie gar nicht erst aufkommen lässt, „verstehendes Üben“ weniger vonnöten scheint als in Zeiten, da man sich mit spieltechnischen Problemen stärker herumschlagen musste. Man kann’s spielen, aber in die Musik im genauen Sinne eingelebt, eingewohnt ist man kaum. 

Nicht umsonst hat Celibidache gemeint, er brauche umso mehr Proben, desto besser das Orchester sei. Ich für mein Teil lese immer wieder in den Büchern der beiden – schon, um mich immer neu jener Maßstäbe zu vergewissern, die ich für unerlässlich halte.

In Karlsruhe hatte ich sehr gehofft, mit Frau Wieland noch mehrmals zusammenzutreffen zu können, die Nachricht von ihrem Tod war ein Schock.

                          Mit den besten Grüßen bin ich – Ihr   Peter Gülke


Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Peter Gülke ist Dirigent, Musikwissenschaftler und Musikschriftsteller.